Makalu (8475 m) Tagebuch 2000

02. April 2000

Tag der Abreise

Gegen 20 Uhr treffen Peter, Bernd und ich uns beim Royal Nepal Airlines Schalter am Flughafen in Frankfurt. Nach herzlicher Begrüßung und Begutachtung unseres umfangreichen Gepäcks geben wir dieses am Fluglinien-Schalter auf und stoßen danach die mit Sekt gefüllten Gläser auf ein gutes Gelingen der Expedition an. Mit 15minütiger Verspätung heben wir um 23:45 Uhr von Frankfurt ab und lassen nun die ganze hektische Vorbereitungszeit hinter uns.

Das Trainingsprogramm hatte sich über viele Monate hingezogen. Täglich habe ich ein Laufpensum von 12 bis 15 km absolviert, meistens noch vor Arbeitsbeginn, um 4:30 Uhr, wenn andere noch gemütlich im Bett liegen. Beim 21,5 km langen Nikolaus-Lauf in Tübingen konnte ich mich dann auch einmal mit anderen Läufern vergleichen. Über den 111. Platz in 1:36 Std. bei knapp 600 Teilnehmern habe ich mich schon sehr gefreut. Es war mein erster Lauf unter Wettkampfbedingungen und ein ganz großartiges Erlebnis. Die Mühen des Trainings haben sich voll bezahlt gemacht.
Wintertouren wie der Hindelanger Klettersteig und der Jubiläumsgrat an der Zugspitze sowie Klettern in Arco am Gardasee fügten sich genauso in das Trainingsprogramm ein wie das Klettertraining in der Halle und eine Skitour.
Auch an meinem Arbeitsplatz mussten vor der Abreise noch viele Dinge erledigt werden und eine die Übergabe der offenen Punkte was mit Mehrarbeit verbunden.
So ganz nebenbei waren dann noch vielen Besorgungen für die Expedition zu tätigen. Ob es sich um Bekleidungsstücke oder um die Fotoausrüstung handelte, nichts war sofort lieferbar und die Zeit bis zur Abreise wurde immer kürzer. Auch die Expeditionspostkarten und die Trekkingschuhe, die wir von Sponsoren bekommen haben, sind nur wenige Tage zuvor bei uns eingetroffen.
Drei Tage vor der Abreise bestellte ich noch einen Organizer, mit dem ich über unser Satellitentelefon Emails versenden wollte. Mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln ist der Organizer dann gerade noch rechtzeitig vor der Abreise eingetroffen. Das Handbuch konnte in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit jedoch nicht mehr gelesen und die Hard- und Software nicht mehr getestet werden.

Jetzt im Flugzeug lagen all die Dinge hinter mir und ich lasse die letzten Monate noch einmal in Gedanken an mir vorüberfliegen. Nun gilt es, sich auf die bevorstehende Expedition zu konzentrieren. Leichter gesagt als getan, denn viele Gedanken gehen mir jetzt noch durch den Kopf und lassen mich nicht so schnell zur Ruhe kommen.

03. April 2000

Kommunikation zwischen Satelliten-Telefon und HP iPaq Pocket PC ist nicht möglich

Nach vielen Stunden ist der Flug vorbei und wir stehen im Flughafengebäude von Kathmandu. Zuerst müssen wir noch ein Visum beantragen, was aber in wenigen Minuten erledigt ist. Beim Abholen unseres Gepäcks gibt es dann bereits die ersten Schwierigkeiten, denn ein Gepäckstück von Bernd ist nicht auffindbar. Wir stellen einen Nachforschungsantrag und fahren dann zu unserem Hotel Veisali in die Innenstadt, wo wir gegen 16 Uhr eintreffen.

04. April 2000

Postkarten schreiben

Heute nutzen wir die Zeit um die vielen Grußpostkarten an Freunde, Kollegen und Sponsoren zu schreiben.
Nach dem Frühstück um 7 Uhr gehe ich zur Post und kaufe 150 Briefmarken für die Grußpostkarten an Freunde, Kollegen und Sponsoren. Im Anschluss beginne ich mit dem Schreiben der Postkarten. Gegen Mittag bringt Peter sein Satelliten-Telefon, welches bei seinem letzten Besuch im Januar dieses Jahres in Nepal geblieben, von seinem Lager bei der örtlichen Agentur mit. Die Spannung ist verständlicherweise sehr groß, ob die Kommunikation zwischen Telefon und Organizer klappt. Wie nicht anders zu erwarten, funktioniert sie natürlich nicht! Der Grund ist, dass ich nur ein Kabel für den Modemausgang des HP Jornada PC zum Eingang eines Telefon-/Fax-Steckers dabeihabe, das Telefon selbst aber ein eingebautes Modem hat und dieses über eine serielle Schnittstelle zu bedienen ist. Da der HP Jornada PC keinen standardisierten seriellen Anschluss besitzt, ist vor Ort auch kein Kabel zu organisieren. Von dem nur wenige Meter vom Hotel entfernten Internet Café aus versuche ich, das Original-Kabel aus Deutschland zu bekommen. Bereits am nächsten Tag sollte es in Richtung Nepal verschickt werden und ich würde es vermutlich noch vor unserem Flug in Basislager erhalten.
Am späten Nachmittag gehe ich erneut zum Postamt, welches aber bereits geschlossen hat und ich somit die Postkarten mit ins Basislager nehmen muss. Das Versenden der Karten ist vermutlich erst nach unserer Rückkehr in Kathmandu möglich.
Am Abend packen wie die Ausrüstung für unsere zehntägige Akklimatisationstour zum Kala Pattar (5620 m) im Khumbu Himal. Der Kala Pattar ist der das beste Aussichtspunkt zum Everest, Lhotse und Nuptse.
Mit einem gemeinsamen Abendessen beschließen wir den für mich doch etwas aufregenden Tag in Kathmandu.

05. April 2000

Kathmandu - Phakding

Um 6 Uhr starten wir vom Hotel zum Flughafen, wo wir gegen 8:45 Uhr mit einer De Havilland Canada DHC-6 „Twin Otter" nach Lukla fliegen (2860 m). Dort landen wir sicher um 10 Uhr.
Der Flugplatz in Lukla wird in Abhängigkeit von Wetter- und Sichtbedingungen mehrfach am Tag von Kathmandu aus bedient. Die 450 m lange Landebahn hat eine Hangneigung von etwa 12 % und kann nur bergwärts angeflogen werden. Das Ende der Startbahn bricht abrupt etwa 600 m tief zum Dudh Kosi ab, das andere Ende endet in einer Mauer, die in den steil ansteigenden Berg übergeht. Das macht Starts und Landungen auf diesem Flugplatz zu einem atemberaubenden Erlebnis und den Flugplatz zu einem der weltweit gefährlichsten Plätze macht.
In der Lodge oberhalb der Landebahn, die einem Verwandten von Peter gehört, frühstücken wir zunächst und begeben uns dann auf den Weg nach Phakding (2610 m). Nach drei Stunden erreichen wir unser heutiges Tagesziel und lassen es uns dort in einer Lodge für den Rest es abends gut gehen.

06. April 2000

Phakding - Namche Bazar

Nach dem Start am frühen Morgen verläuft der Weg zuerst entlang des Dudh Kosuhi Flusses, den wir im weiteren Verlauf mehrmals über Hängebrücken überquert werden müssen. Nach zwei Stunden erreichen wir den Eingang des Sagarmatha National Parks und müssen dort die obligatorische Parkgebühr bezahlen. Im Nationalpark wird der Weg dann steiler und nach weiteren zwei Stunden erreichen wir Namche Bazar (3440 m).
Der Ort liegt an einer für die Khumbu-Region wichtigen Wegekreuzung, wo sich der Weg entlang des Bhote Kosi über Thame zum Nangpa La und der Weg, der weiter ins Tal des Dudh Kosi und letztendlich zum Mount Everest hinaufführt, verzweigen. Unmittelbar westlich von Namche Bazar liegt der Berg Kongde Ri (6186 m) und im Osten der Berg Thamserku (6618 m).
Auf einem Hügel oberhalb von Namche Bazar liegt Syangboche, ein kleiner Ort mit einer Landepiste in 3750 m Höhe. Diese wird aber selten genutzt, da der Untergrund aus losem Kies besteht und so nur für wenige Flugzeugtypen oder Hubschrauber geeignet ist. Die Piste ermöglicht es damit vor allem bei medizinischen Notfällen, Namche Bazar aus der Luft zu erreichen.
Hier verbringen wir die kommende Nacht. Am nächsten Tag erreichen wir Namche Bazar (3870 m), wo wir bei Peters Schwiegereltern untergebracht sind. Auch in Namche Bazar gibt es ein Internet Café und ich erkundige mich von hier aus erneut über den Verbleib des seriellen Kabels und schicke meinen Freunden einen kurzen Expeditionsbericht.
In Namche Bazar gibt es mehrere Internetcafes, von denen ich eines besuche und mich über den Verbleib des seriellen Kabels erkundige.
Obwohl wir bei Petes Schwiegereltern bestens untergebracht sind, besuche ich wie immer die Hermann Helmer's Bakery, deren Besitzer sein Handwerk bei einem gleichnamigen deutschen Bäckermeister in Bielefeld gelernt hat.

07. April 2000

Namche Bazar – Tengboche (auch Thyangboche)

Die heutige Etappe führt uns zuerst über Syangboche (3720 m) zum Everest View Hotel in 3880 m Höhe. Leider ist es sehr diesig, sodass der Mount Everest (8848 m), Lhotse (8516 m) und die Ama Dablam (6814 m) kaum zu sehen sind.
Nachdem bei Teshinga der Dudh Kosi überquert ist, geht es steil und anstrengend hinauf nach Tengboche. Das Dorf liegt am Fuß des Südhangs des Thamserku in einer Höhe von 3870 Metern.
Das buddhistische Kloster von Tengboche ist das wichtigste kulturelle und religiöse Zentrum des Khumbu. Es wurde 1923 erbaut, 1989 durch einen Brand stark zerstört und anschließend wieder aufgebaut. Das Kloster besitzt den größten Tempel, eine sogenannte Gompa, der Region. Ende Oktober/Anfang November findet hier das Mani Rimbu Dance Festival statt.
Hier sind wir in einer gemütlichen Lodge in unmittelbarer Nähe des Klosters untergebracht. Zunächst ruhen wir uns von der fünfstündigen Etappe etwas aus und besuchen am späten Nachmittag das Kloster.

08. April 2000

Tengboche - Dingboche

Heute geht ein eiskalter Wind, dafür ist die Sicht erheblich besser. Gleich hinter Tengboche beginnt ein wunderschöner Märchenwald, durch den wir geraume Zeit gehen. Im Anschluss schlängelt sich der Weg entlang des Flüsschen Imja Khola und nach dreieinhalb Stunden erreichen wir die Dorf Dingboche. Es liegt auf einer Höhe von etwa 4730 Metern direkt am Imja Khola, einem Zufluss zum Dudh Kosi. In Dingboche wird vor allem Kartoffelanbau betrieben. Seit den 1980er Jahren sind mit der Zunahme des Tourismus eine große Anzahl von Lodges entstanden, sodass wir ohne Probleme eine geeignete Unterkunft finden.

09. April 2000

Dingboche - Lobuche (Pyramide)

Hinter Dingboche führt der Weg auf eine Anhöhe, von wo man einen wunderbaren Rundblick hat. Über einen Höhenweg erreicht man Dughla (4620 m). Hier endet der Khumbu Gletscher und der Weg führt auf den Ausläufern des Gletschers steil nach oben. Oben angekommen liegt ein „Friedhof" für alle Todesopfer der Besteigungen des Mount Everest. Jedem Toten ist mit einem sogenannten Steinmann, einem Stapel aufgetürmter Steine, die letzte Ehre erwiesen. Der Weg verläuft dann in 4800 m Höhe entlang des Khumbu Gletschers und gibt nun den Blick auf den Aussichtsberg Kala Patthar (5620 m) und den Pumo Ri (7145 m) frei. Hinter Lobuche (4930 m) biegen wir ab zur italienischen Forschungsstation (wegen ihres Aussehens auch Pyramide genannt). Hier befindet sich das Hotel 8000 INN (4910 m), in dem wir die kommende Nacht untergebracht sind. Die Ausstattung ist gut und die Zimmer werden am Abend mit dem Strom aus der Fotovoltaikanlage der Pyramide beheizt. Ein nicht zu verachtender Luxus in fast 5000 m Höhe.

10. April 2000

Lobuche (Pyramide) – Kala Patthar

In der Nacht hat es etwas geschneit, aber bei unserem Start zum Kala Patthar ist keine Wolke am Himmel. Beste Voraussetzung für eine gute Fernsicht auf die fantastische Bergkulisse mit Mount Everest (8848 m), Lhotse (8516 m) und die Ama Dablam (6814 m).
Nach einiger Zeit komme wir nach Gorak Shep (5150 m), die letzte dauerhaft bewohnte Ortschaft vor dem Mount Everest. Sie lieg direkt am Khumbu-Gletscher, der vom Mount Everest in südwestlicher Richtung vorbeifließt. Die Ortschaft besteht aus einigen Lodges.
Unmittelbar an einem alten Seebett am Ortsrand beginnt der Aufstieg zum Kala Patthar, einer der beliebtesten Aussichtspunkte im Khumbu. Die Bezeichnung Kala Patthar bedeutet „Schwarzer Stein". Da er lediglich 5620 m hoch ist, zählt er in Nepal offiziell nicht zu den Bergen. Von Reiseagenturen wird für die Besteigung oft der etwas niedrigere Südgipfel (5545 m) gewählt.
In knapp zwei Stunden sind wir am Hauptgipfel und haben eine sagenhafte Aussicht. Nach einer längeren Pause am Gipfel kehren wir zurück nach Gorak Shep und stärken uns dort in einer Lodge. Hier treffen wir auch unser Bergfreunde Bo Belvedere Christensen und Mads Granline, die gerade am Mount Everest unterwegs sind. Für den Rückweg zur Pyramide wählen wir eine ander Route und sind dann gerade noch vor dem einsetzenden Schneefall in unserer Unterkunft.

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