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Montblanc (4818 m) Überschreitung

25. Juni 2011

Nach dem ausgiebigen Frühstück stehen wir kurz nach 8 Uhr an der Bellevue-Seilbahn in Les Houches.
Trotz der perfekten Französischkenntnisse von Helmut ist es zunächst nicht zu begreifen, warum die Zahnradbahn Tramway du Montblanc (TMB) nur ein Mal am Tag in Richtung Bergstation Nid d'Aigle (wörtlich "Adlernest") auf 2372 m fährt.
Genau diese Bahnfahrt fand allerdings schon vor einer halben Stunde statt und uns bleibt jetzt keine andere Alternative, als die 500 Hm entlang der Gleise zu Fuß zurücklegen. An der Bergstation der Bellevue-Seilbahn treffen wir einen Bergführer, der uns genauere Informationen über die Bauarbeiten an den Gleisen gibt. Nach seinen Ausführungen sollen die Bauarbeiten in den nächsten 4 Wochen abgeschlossen sein, was uns aber aktuell nicht hilft. Der Aufstieg entlang der Gleise ist letztlich doch einfacher als wir es erwartet haben und so taucht die Bergstation irgendwann überraschend hinter einem Tunnel auf. Üblicherweise tummeln sich hier Hunderte von Menschen, heute ist die Station menschenleer.
Wir begegnen zu dieser frühen Stunde auch nur wenigen Bergsteigern. Sie haben wegen des starken Windes den Aufstieg zum Gipfel heute Morgen vorzeitig abgebrochen. Die Laune der Absteigenden ist entsprechend schlecht und so wir nur in Ausnahmefällen gegrüßt. Morgen soll der Wind nachlassen und so ist es gut, dass wir erst für heute Nacht einen Platz auf der Goûter Hütte bekommen haben. Unterhalb dem Refuge de Tête Rousse (3167 m) machen wir eine kurze Rast und rüsten uns für den Aufstieg durch das berüchtigte Grande Coloir und der Goûter Flanke, die sich im Schwierigkeitsbereich I-II bewegt.
Die letzten Meter unterhalb dem Refuge du Goûter sind mit Drahtseilen versichert, was bei vereisten Felsen durchaus hilfreich sein kann. Weder im Grande Coloir noch in der Goûter Flanke gibt es unerwartete Probleme und so kommen wir entspannt an der sonnenbeschienen Goûter Hütte an. Nach dem Zuteilen der Schlafplätze verbringen wir die Zeit bis zum Abendessen in dem hoffnungslos überfüllten Gastraum.
In dem Stimmengewirr ist es schon beachtenswert, dass das Personal immer noch den Überblick behält. Das Abendessen gibt es in zwei Schichten und im Anschluss wird der Gastraum umgehend in einen Schlafraum für die nicht angemeldeten Bergsteiger umfunktioniert. Helmut und ich sind im Bergführerschlafraum untergebracht, der nur über einen sehr exponierten Pfad erreichbar ist. Mit den Hüttenschuhen ein nicht zu unterschätzendes Unternehmen. Nachdem im Schlafraum die lang anhaltende Unterhaltung beendet wird, ist die Temperatur unerträglich hoch und an Schlafen ist nicht zu denken.

26. Juni 2011

Die Zeit bis zum Wecken um 2 Uhr geht schnell vorbei und wir rüsten uns zum Aufbruch. Anziehen, Frühstücken und dann vor der Hütte mit dem vorbereiteten Seil auf die Teilnehmer warten. Ein kalter Wind kühlt mich schnell aus und ich begrüße meine Entscheidung, schon in der Hütte die Goretex-Jacke und Hose angezogen zu habe.
Kurz vor 3 Uhr starten wir dann und folgen der Lichterkette aus Stirnlampen in südöstlicher Richtung zum Dome du Gouter (4304 m). Langsam wird es hell und vor uns liegt der Montblanc im ersten Morgenlicht. Die Lichterkette hat bereits die Vallot-Hütte erreicht und einzelne Lichter sind schon auf dem mit Schneefahnen umgebenen Bossesgrat sichtbar.
Vor dem Aufstieg zur Vallot-Hütte (4370 m) entscheiden wir uns seilfrei zu gehen, da ab hier keine Spaltensturzgefahr mehr besteht. Im Gewirr der Seilschaften kommen wir so erheblich entspannter voran. Ein starker Wind am Bossesgrat bläst mir die Eiskristalle in die Augen, die mir nach kurzer Zeit schon schmerzen. Ich kann mich allerdings nicht dazu entschließen die Sturmbrille aufzusetzen, da es noch nicht hell genug ist. Nach dem breiten Firnrücken schließen sich die zwei Bosse (kleiner und großer) an. Danach beginnt der eigentliche Gipfelgrat, der im oberen Teil schmal und ausgesetzt ist. Der starke Wind erschwert uns das aufrechte Gehen auf diesem Abschnitt. Der Gipfel ist nun in greifbarer Nähe und nach wenigen Metern sind wir auf dem Dach der Alpen.
Strahlend blauer Himmel, keine Wolken und ein atemberaubender Weitblick zu den Berner Alpen und den Walliser Alpen mit dem Matterhorn bietet sich uns. Im Südosten baut sich der Gran Paradiso auf und die Gipfel des Dauphins runden das Bild ab.
Überglücklich stehen unsere Teilnehmer Markus, Michael und Benjamin erstmalig auf den höchsten Punkt der Alpen. Zurückblickend an meine erste Besteigung des Montblanc war das auch für mich ein überwältigender Moment. Jetzt freue ich mich darüber, meine Bergsteigerkollegen bei der Logistik und dem Aufstieg unterstützt zu haben.
Mein Blick geht jetzt hinüber zum Mont Maudit (4465m), Mont Tacul (4248 m) und Aiguille du Midi (3842 m) entlang derer, die weitere Route verläuft. Die Spur ist deutlich zu erkennen und einige Bergsteiger befinden sich in unserer Abstiegsroute im Aufstieg zum Montblanc. Nach einer kurzen Pause und den obligatorischen Gipfelfotos steigen wir hinunter zum Col de la Brenva (4320 m). Wir gehen zunächst seilfrei, müssen aber in der Flanke wegen der akuten Spaltensturzgefahr wieder am Seil gehen. Nach dem Überwinden der Steilstufe am Mur de la Côte ist der Blick in die wild zerklüftete Brenva Flanke frei. Vor vielen Jahren bin ich mit Hartmut von der Biwakschachtel am Col de la Fourche über das Güssfeld Couloir und dem Brenva Sporn bis zu dieser Seraczone heraufgestiegen. An die bis zu 70 Grad steile Passage durch diese Seracs kann ich mich heute noch erinnern. Das war eine echte Herausforderung!
Die Spur verläuft nun unterhalb des Gipfels des Mont Maudit und führt direkt zum Col du Mont Maudit. Eine etwa 50 Grad steile Spur führt hinunter zum gut sichtbaren Bergschrund auf der Nordwest-Seite des Mont Maudit. Dort befinden sich gerade zwei Seilschaften im Aufstieg, aber sie kommen so gut wie nicht von der Stelle. Kurzerhand vergraben wir einen T-Anker und ich werfe das gesicherte Seil nach unten, damit die aufsteigenden Bergsteiger schneller aus dieser Passage herauskommen. Zwei Personen kommen wie im Schneckentempo mit Prusik gesichert an unserem Seil nach oben. Nach einer viertel Stunde ist meine Geduld am Ende und ich seile mich bis zu den Felsen ab und mache dort einen Standplatz. Benjamin, Markus, Michael sowie Helmut kommen nach und seilen weiter ab bis zum Ende des teilweise vorhandenen Fixseils. Dort sammeln wir uns und seilen uns schlussendlich bis über den Bergschrund ab. Eine nervenaufreibende Aktion, die uns eine Stunde Zeit kostet.
Entlang des Bergschrunds queren wir die Nordwest-Seite des Mont Maudit, bis die Route wieder leicht ansteigend zur Schulter des Mont Blanc du Tacul führt. Hier ist der richtige Platz um unsere Bekleidung der aktuellen Temperatur anzupassen und etwas zu trinken.
Von der Schulter des Mont Blanc du Tacul geht es über Nordwestflanke hinunter zum Col du Midi. Die etwa 35 Grad steile Flanke will kein Ende nehmen und wir sind froh, als wir endlich auf dem flachen Gletscher ankommen.
Nach einer letzten Pause queren wir den flachen Gletscher und steigen dann mühsam über den ausgesetzten Schneegrat hinauf zur Aiguille du Midi (3842 m). Am Stolleneingang sind wir ein begehrtes Fotomotiv der überwiegend japanischen Touristen. Uns stört das nicht! Überglücklich fallen wir uns in die Arme und freuen uns über die erfolgreiche Tour bei optimalen Schnee- und Wetterbedingen.
Mit der Tourennachbesprechung beim gemeinsamen Essen im Tal beenden wir das offizielle Programm des DAV Tübingen und treten die Heimfahrt an.

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